Montag, 23. Februar 2009

Der Kanadier (wenn man ihn denn findet...)

Ich bin jetzt seit genau vier Monaten und einem Tag in Kanada und ich denke es ist an der Zeit, mal ein paar der kulturellen Eindrücke in Worte zu fassen, die ich hier bisher gesammelt habe. Daher werde ich euch heute mal erzählen, wie ich "den Kanadier" bisher kennen gelernt habe. Das einzige Problem: Man muss ihn erstmal finden. Wenn man bedenkt, dass fast 50 % der Einwohner Vancouvers ihre Wurzeln in anderen Ländern dieser Welt haben, ist das kein Wunder. Das erklärt dann auch den Dialog zwischen meiner kanadischen Kollegin und einer Kundin: "Woher kommen Sie?", wird meine kanadische Kollegin gefragt. "Aus Kanada!". "Ach, Sie sind Kanadierin?".

Geduld
Kanadier haben wirklich eine Engelsgeduld. Manchmal kann ich es überhaupt nicht fassen, wenn ich die langen Schlangen an der Kasse unseres Grocery Stores sehe und man in den seltensten Fällen irgendein Gemecker hört. Oder auch die Schlange an der Bushaltestelle des UBC-Busses (Bus zur University of British Columbia) mit Wartezeiten von ca. 30 Minuten. Und obwohl dort nirgendwo ein Schild steht: Die Kanadier stehen brav in 2er-Reihen und warten und warten und warten...und das jeden Morgen...wirklich faszinierend. Sowieso scheint es eine der liebsten Angewohnheiten hier zu sein, sich in einer Schlange anzustellen. Warum die Kanadier sich jedoch meist die längeste Schlange zum Warten aussuchen, habe ich bis heute allerdings nicht verstanden...

Gutgläubigkeit
Ich habe es schon öfter festgestellt, dass Kanadier sehr gutgläubig sind. Man sagt ihnen: "Nein, das darfst du nicht machen." und dann machen sie es auch einfach nicht. Zwei Beispiele: Als Markus und ich im Dezember beim Hockey-Spiel der Vancouver Canucks waren, haben wir am Tag vorher gefragt, ob man Getränke mit reinnehmen darf (blöde Frage eigentlich). Die Antwort war natürlich nein und deswegen haben wir darauf verzichtet, ein Sixpack Bier mitzunehmen, weil wir dachen, dass die Taschen bestimmt kontrolliert würden. Am nächsten Abend haben wir dann festgestellt, dass es keine Kontrollen gab...vielleicht auch nur ein Zufall...? Ich weiß es nicht. Das andere Beispiel stammt von gestern Abend. Ich war auf einer französischen Party in einer Lounge auf Granville Island. 12 $ Eintritt und als Zeichen, dass man bezahlt hatte, hat man einen schwarzen Stern mit nem Edding auf die Hand gemalt bekommen. Wir Europäer haben uns natürlich auf gut Deutsch gesagt "in den Arsch gebissen", dass wir keinen schwarzen Stift dabei hatten und wir werden jetzt sicher nicht mehr ohne aus dem Haus gehen... ;-) Ich glaube, so etwas funktioniert wirklich nur hier. Aber da fragt man sich wirklich, ob die Kanadier zu lieb oder die Europäer zu dreist sind...

Humor
Ja, das ist wirklich eine Sache für sich. Der europäische Humor ist - würde ich sagen - von einer ordentlichen Portion Ironie und einer Spur Sarkasmus geprägt (allen voran sicher die Briten). ;-) Beides ist hier aber völlig unbekannt. Wenn Kanadier einen Witz machen, dann wird sofort (meist im gleichen Atemzug) "I'm just kidding", zu deutsch: "Ich mache nur Spaß." angefügt, um sicherzugehen, dass der Witz nicht falsch verstanden wird und man niemanden verletzt. Sehr löblich eigentlich. Es ist also kein Wunder, dass man manchmal entsetzte Blicke erntet. Ein gutes Beispiel: Ich saß letztens mit Claudia, einer deutschen Arbeitskollegin, im Pausenraum und sie meinte: "So schlecht kommen die Obdachlosen hier gar nicht über die Runden, sie halten sich mit dem Betteln und der Flaschenrückgabe ganz gut über Wasser." Ich meinte dann: "Ja, und Miete müssen sie auch nicht zahlen." Wir haben uns schlappgelacht und uns beiden war natürlich klar, dass das ein Witz ist und keineswegs Ernst gemeint. Es saßen noch zwei kanadische Kollegen mit im Raum und dann hab ich nur schnell übersetzt, worüber wir gelacht haben. Das einzige, was wir geerntet haben, waren halb verwirrte und entsetzte Blicke. Ich hab dann nur entschuldigend hinzugefügt, dass das die europäische Art von Humor ist...Oh man, da muss man echt aufpassen, sich hier nicht ins Fettnäpfchen zu setzen...

Offenheit
Ich habe die Kanadier als ein sehr weltoffenes Volk kennen gelernt, eigentlich kein Wunder, da Kanada - wie schon gesagt - wirklich "multikulti" ist. Sie sind sehr neugierig und fragen viel, wie es bei uns zu Hause ist. Sehr angenehm. Das erklärt vielleicht auch, weshalb die Kanadier nicht wirklich gut auf ihren großen Nachbarn, die USA, zu sprechen sind und nicht viel Gutes über sie verlieren. Ich denke es ist genau dieser Punkt: die Offenheit gegenüber der Welt, an der es manchen US-Amerikanern ja bekanntlich mangelt.

Gemütlich bis bequem...
Auch diesen Punkt möchte ich nicht verschweigen. Kandier sind doch sehr, sehr, sehr gemütlich, um nicht bequem zu sagen. Ich denke, das hier ist der Punkt, wo man gerade als Deutscher in manch einer Situation ein "kulturellen Konflikt" erleidet. Wo es einem als Deutschem nicht schnell genug gehen kann, muss man sich hier doch in Geduld üben und wo man in Deutschland denkt, dass etwas schon klappt und man sich "halbwegs" drauf verlassen kann, ist es hier doch anders. Und man fällt hier mit der deutschen Arbeitsmoral doch wirklich auf. "Saskia, wenn man dir etwas sagt, dann weiß man auch, dass du das dann wirklich machst." Oder: "Saskia, du arbeitest immer so hart und bist so fleißig." Ich dachte nur: "Hmm...ich arbeite nicht hart, ich arbeite." Ich habe manchmal das Gefühl, dass es hier niemanden wirklich interessiert, wenn man zu spät kommt oder sich 50 % der Zeit krankmeldet (ja, so einen Fall gibt es hier auch). Es wird einfach akzeptiert. Auch wenn die Deutschen es sicher manchmal übertreiben mit ihrer Korrektheit, ich bevorzuge es in dieser Hinsicht doch, wie es bei uns zugeht...Obwohl ich auch versuche, mir eine Scheibe abzuschneiden von der Gelassenheit, die die Kanadier an den Tag legen...das kann nicht schaden...im richtigen Zusammenhang!

Selbsteinschätzung
Die Kanadier halten sich allen Ernstes für unfreundlich und denken, dass sie gut darin sind, über Dinge zu meckern. Da denke ich nur, dass ein Kanadier in dieser Hinsicht in Deutschland einen Kulturschock erleiden würde, weil er dann wüsste, was Meckern und unfreundlich sein wirklich bedeuten kann (wobei ich natürlich nicht sagen möchte, dass wir nur meckern und unfreundlich sind, aber...naja, ihr wisst ja selbst). Ich habe in Zusammenhang mit diesem Thema schon manchmal das Gefühl, dass die Deutschen in einem Schlaraffenland leben, das sie nicht wahrnehmen. Das Leben hier ist von viel mehr Unsicherheit geprägt und die wenigsten beschweren sich wirklich...zumindest habe ich das bis jetzt nicht feststellen können. Aber ich denke, dass sich kein Deutscher über hohe Lebensmittelpreise beschwerden muss...wirklich nicht!

So, bevor es hier zu "politisch" wird, werde ich diesen Post jetzt mal beenden. Ich hoffe, ich konnte euch den Kanadier, wie ich ihn kennen gelernt habe, ein wenig näher bringen... :-)

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